Öffentliche Technologie-Kritik am Beispiel Gen-Technik

Die sprachliche Konstruktion von Technologie bei Greenpeace und Müller-Milch

Gen-Pflanzen [breiten sich] unkontrolliert in der Natur aus und gefährden die gentechnikfreie (…) Lebensmittelproduktion. Wer will, dass auch seine Kinder noch gentechnikfrei erzeugte Joghurts im Milchregal finden, muss sich deshalb heute gegen Gentechnik auf dem Acker wehren.“ (Pressemitteilung Greenpeace 2004-12-06)

Greenpeace nutzt hier einen Gefahrentopos, der über den Ausdruck Kinder eine düstere Technikzukunft erwarten lässt. Müller-Milch entgegnet:

Moderne Pflanzenzucht – Die Grüne Gentechnik ist eine Weiterentwicklung der konventionellen Pflanzenzucht.“ (…) Trotz modernster Analyse-Methoden existieren keinerlei Hinweise auf einen Transfer transgener Komponenten in das Lebensmittel Milch.“ (Pressemitteilungen Müller 2010-07-01, 2010-09-23)

Der durch die Wörter modern und Weiterentwicklung implizierte Fortschrittstopos wird mit einem Wissenschaftstopos angereichert. Die belegten Sprachmuster – Gefahrentopos, Topos unkontrollierter Ausbreitung, Fortschritts- und Wissenschaftstoposentfalten auf subtile Art Plausibilität, weil sie automatische Schlussfolgerungen auslösen. Der automatische Schluss des Wissenschaftstopos lautet beispielsweise: Was die Wissenschaft sagt, das ist wahr. Mithilfe solcher Sprachmuster entwerfen beide Akteure ein ganz unterschiedliches Bild von ‚Technologie‘. Die an das Konzept der Technologie andockenden Sprachmuster zeigen, dass Greenpeace eine Dystopie und Müller eine Eutopie konstruieren.

Greenpeace entwirft mit seiner Technologie-Kritik am Beispiel der Milch eine düstere Technik-Zukunft und liefert damit ein alternatives Denkmodell für die Wahrnehmung von Lebensmitteln. Müller konstruiert für die Gen-Technik eine Zukunft technischer Weiterentwicklung unter dem Primat der Wissenschaft. In meinem Vortrag zeigte ich, wie dys- und eutopische Technikkonzepte in einer Debatte konkurrieren und wie mithilfe einer Dystopie eine alternative Denkmöglichkeit über ein alltägliches Produkt (Milch) geschaffen wird.

Video meines Vortrags vom 27. September 2012 am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)