Umorientierung durch Kampagnen-Sprache

Ähnlich Pavlovs (Bild) Hunden, sind wir alle auf vielfältige Weise konditioniert. Gelernte Reiz-Reaktionsketten betreffen jeden von uns ganz individuell. Was würden Sie aber sagen, wenn ich behaupte, dass nicht nur Sie als Individuum konditioniert sind, sondern auch soziale Gruppen, Gesellschaften, ja die ganze Menschheit auf ähnliche Weise konditioniert ist. Glauben Sie nicht? Wie das funktionieren soll?

Das alles funktioniert mit der Sprache und lässt sich wissenschaftlich mit der Diskursanalyse nachverfolgen. Dazu ein Beispiel: Was war vor zweihundert Jahren ein Mensch? Dazu gehörten auf keinen Fall die damals so genannten „Wilden“, denen gebildete Europäer in den von ihnen „entdeckten“ „neuen Welten“ begegneten. Solches Wissen wird sprachlich repräsentiert. Sprach man damals vom ‚Menschen‘ gehörten die ‚Wilden‘ nicht dazu, spricht man heute vom ‚Menschen‘, so wirkt es nicht nur antiquiert, nein sogar rassistisch Angehörige ehemaliger Kolonien als Wilde zu bezeichnen. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Die Sichtweise auf den Menschen hat sich politisch verändert. Das Konzept ‚Mensch‘ wurde im politischen Meinungskampf erweitert um die damals nicht Dazugehörenden. Und das kommt uns heute ganz selbstverständlich vor.

Sprache speichert kollektives Wissen

Das was heute selbstverständlich ist, musste jedoch erst einmal gegen viele Widerstände selbstverständlich werden können. Entgegen damaliger wissenschaftlicher Beweise dafür, dass Wilde keine Menschen seien, fanden sich einige wenige Spinner zusammen, die behaupteten, die Wilden seien auch bloß Menschen. Diese Spinner konnten ein paar namhafte Persönlichkeiten überzeugen. Man sammelte etwas Geld, druckte ein paar Flugblätter, diskutierte, fand mehr Unterstützer. Ein erster Wissenschaftler konnte beweisen, dass Wilde auch Menschen seien. Von hier bis zu Rosa Parks, die in Seattle der Rassentrennung auf ihrem Platz im Bus sitzen blieb, was es zwar kein kleiner aber ein unausweichlicher Schritt. Nicht verschwiegen werden darf das Blut, das diesen Meinungskampf untermauerte. Doch ich möchte den Fokus zurück auf die Sprache lenken. Die heutige Sprache hat diesen historischen Meinungskampf gespeichert. Denn sonst würden wir es nicht kritisieren, wenn ‚Schwarze‘ als Neger bezeichnet werden, würden nicht heutige Verleger und Pädagogen versuchen das Wort Neger aus hundert Jahre alten Kinderbüchern zu vertreiben. Neger, einst ein unauffälliges Wort zur Bezeichnung von ‚Wilden‘, ist heute ein Schimpfwort. Die Sprache ist also ein Speicher kollektiven Wissens. Sie ist das Werkzeug mit dem sich Menschen ihre Welt nicht nur erschließen, sondern mit dem Menschen ihre Welt festhalten, um sich in ihr verbindlich orientieren zu können.

Politische Kommunikation: Greenpeace gegen Müller-Milch

Ein vollkommen anderes, aktuelleres Beispiel: Zwischen 2004 und 2010 stritt die Umweltorganisation Greenpeace mit dem Milchhersteller Müller-Milch um gentechnisch verändertes Kuhfutter in der Milchproduktion. Hintergrund des Streites zwischen Greenpeace und Müller-Milch ist die Gentechnikdebatte über die sogenannte grüne Gentechnik. In der EU ist es seit 2004 verboten, genveränderte Lebensmittel ohne entsprechende Kennzeichnungen auf den Produkten zu verkaufen. Nicht verboten war es jedoch, genveränderte Pflanzen als Viehfutter zu gebrauchen, ohne auf den Produktverpackungen von z. B. Milch oder Fleisch darauf hinzuweisen. Im Jahr 2004, bekam ein Großteil in Deutschland gehaltener Milchkühe importiertes genverändertes Tierfutter zu fressen. Daher begann Greenpeace 2004 Aktionen und Demonstrationen gegen Müller-Milch zu organisieren. Dabei wurde vor den Müller Werken protestiert, in vielen Supermärkten wurden Müller-Produkte mit „Warnaufklebern“ mit der Aufschrift „Genmilch“ versehen und viele andere Protestformen genutzt. Müller ließ sich das nicht gefallen, sondern verklagte Greenpeace, sodass ein Gericht Greenpeace den Gebrauch des Wortes „Genmilch“ zur öffentlichen Bezeichnung von Müller-Produkten untersagte. Greenpeace legte dagegen Berufung ein, und durfte das Wort „Genmilch“ zunächst weiterhin gebrauchen. Der Konflikt zog sich über weitere Gerichtsprozesse hin, in denen Greenpeace des Wort Genmilch zur Bezeichnung von Müller-Produkten verboten und im Berufungsprozess wiederum erlaubt wurde. Der Konflikt endete 6 Jahre später vor der höchsten deutschen juristischen Instanz, dem Bundesgerichtshof. Er erlaubte den Wortgebrauch mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit.

Laut Müller habe dieses Futter keine wissenschaftlich nachweisbaren Auswirkungen auf das Endprodukt Milch. Für Greenpeace hatte das Futter jedoch diese Auswirkungen, unabhängig von wissenschaftlichen Nachweisen, denn auch die Wissenschaft könne sich ja irren. Was Müller als Qualitäts– oder Premiummilch bezeichnet, heißt bei Greenpeace Genmilch oder Risikotrank.

Greenpeace und Müller-Milch sprechen unterschiedliche Sprachen

Die Diskursanalyse deckt auf, dass die beiden Kontrahenten sprachlich ein und dasselbe Konzept sprachlich unterschiedlich konzentrieren. Dabei handelt es sich nicht um das Konzept ‚Mensch‘, sondern um das Konzept ‚Qualität‘.

Dabei arbeiten beide Kontrahenten mit sogenannten Topoi. Das sind rudimentäre Argumentationsmuster, deren Wirksamkeit auf kollektiven Überzeugungen beruht, die nicht extra begründend angeführt werden müssen. Erwähne ich zum Beispiel, dass das Touchpad ihres Notebooks aus hochgiftigem Plastik besteht, so wird Sie das überzeugen, dass solche Chemikalien nicht in ein Touchpad gehören, ja dass sich daraus womöglich Gesundheitsschäden ergeben. Das jedoch habe ich nicht gesagt. Dieses Wissen schlussfolgern Sie aus kollektiven Überzeugungen heraus, die sie gelernt haben. Sie wissen, dass Gift gesundheitsschädlich, wenn nicht tödlich ist, und daher jeglicher Kontakt zu vermeiden ist. Ohne also zu begründen, worin die Wirkung dieses Giftes besteht, argumentiere ich gegen Ihr Touchpad, vielleicht sogar gegen den Hersteller Ihres Notebooks, der solches Plastik bedenkenlos anwendet.

Mithilfe solcher Topoi konstruieren Kontrahenten im politischen Meinungskampf sprachlich die Realität. In unserem Fall gebraucht Greenpeace in erster Linie den Übergangstopos, durch den ein Übergang der Gentechnik im Kuhfutter in die Milch konstruiert wird. Er basiert auf dem Alltagsschluss, dass Teile Auswirkungen auf ihr Ganzes haben. Der Übergangstopos findet sich in Sätzen wie: „Man ist, was man isst.“ oder „Vom Futtertrog in die Nahrungskette“. Der Schluss, dass ein Teil sein Ganzes verändert wird nie ausgeführt, doch denkt man ihn nicht mit, verlieren die Textstellen ihre argumentative Kraft. In rudimentärer Form tritt der Übergangstopos auch zutage in den beurteilenden Verben verunreinigen, kontaminieren, verschmutzen, die von Müller strikt gemieden werden. Stattdessen spricht Müller von „zufälligen und unvermeidbaren Beimischungen“. Auch das Wort Genmilch argumentiert implizit für einen Unterschied zwischen der Milch von Gengefütterten und Nichtgengefütterten Kühen und ist damit bereits ein Übergangstopos in seiner minimalsten Ausführung.

Müller kontert dieses Muster durch den Nichtveränderungstopos, der besonders häufig mittels eines Wissenschaftstopos (also: Was die Wissenschaft sagt, das ist wahr) verstärkt wird. Hinter dem Nichtveränderungstopos steckt die Überzeugung, dass etwas, das sich verändert hat, zu einer Neubeurteilung führt, und dass ergo etwas, das sich nicht verändert hat (in diesem Fall die Milch), nicht anders zu beurteilen ist. Da sich die Genfutter-Milch in ihrer Substanz nicht von der ‚normalen Milch‘ unterscheidet, können daraus keine neuen Konsequenzen bzw. Gefahren folgen.

Im Zuge der Ausbreitung des Streits in Medienartikeln und Gerichtsprozessen, werden nun diese beiden Konstruktionen von ‚Qualität‘ weiterverbreitet. Greenpeace steht dabei für ein anderes, neues Konzept von Qualität, das die Fütterung von Tieren als Qualitätsmerkmal mitdenkt. Müller verteidigt ein Konzept von Qualität, in dem die Fütterung der Tiere keinen Einfluss auf die Qualität hat.

Was verstehen wir unter Qualität?

Was eine Gesellschaft unter Qualität versteht, ist also davon abhängig, wie über Qualität gesprochen wird. Wer heute Qualitätsnahrung erwirbt, der möchte oftmals auch etwas über die Fütterung der Tiere und deren Lebensbedingungen wissen. Kauft man Kleidung, Kaffee oder Schokolade ist es ein Qualitätsmerkmal, ob die Arbeiter fair behandelt wurden. Das Qualitätskonzept verändert sich.

Um auch die letzten Skeptiker von der sprachlichen Konstruiertheit der Wirklichkeit zu überzeugen, ein weiteres Beispiel zum Qualitätskonzept. Außerhalb des Lebensmittelhandels findet sich ein ähnliches Qualitätskonzept in der Geschichte der Umweltbewegung. In den achtziger Jahren gab es die Furcht vor dem sich aus Kühlschränken in die Atmosphäre verflüchtigenden FCKW, welches das Ozonloch vergrößerte. Das Ozonloch ist kein sichtbares Teilproblem eines Kühlschrankes, sondern eher eine entfernte Folge. Dennoch war es zeitweilig ein Qualitätsmerkmal eines Kühlschrankes in Deutschland und anderen Ländern, dass dessen Funktionsweise nicht auf dem Gebrauch von FCKW beruht. Dieses Beispiel zeigt, dass sich das Konzept Qualität verändert. Mit einer sich verändernden Welt adaptiert sich das Konzept an die bestehenden Verhältnisse, weil z. B. Menschen die Folgen ihres Handelns genauer bzw. anders absehen können. Nicht mehr nur unmittelbare Eigenschaften des Kühlschrank stehen auf der Bewertungsliste, sondern zunehmend die Ursachen seiner Herstellung bzw. entfernte Folgen, wie im Falle des FCKW. Heute ist es beispielsweise eine Auszeichnung von Qualität, wenn der Kühlschrank möglichst wenig Energie verbraucht. Und immer bleibt es dabei: Die weitreichende Veränderung kollektiver Bewertungen vollzieht sich durch Einbringung und Etablierung alternativer Sichtweisen, die zu Beginn in Minderheitendiskursen existieren.

Die unglaubwürdige These von der Konditionierung von Gesellschaften löst sich jetzt auf. Wir sehen: Gesellschaften sind konditioniert durch kollektives Wissen, das in automatischen Schlussfolgerungen vorliegt und sprachlich aktiviert wird. Einmal aktiviert, müssen die Menschen sich an der neuen Sichtweise orientieren und ihr Handeln entsprechend ausrichten: Ob sie nun dafür oder dagegen sind, sie müssen sich entscheiden.

Erster Schritt zur Kampagnen-Sprache: Sprachanalyse

Kampagnenmacher wollen herrschende Sichtweisen verändern. Ein erster Schritt für eine erfolgreiche Kampagne sollte immer eine Analyse des gegnerischen bzw. herrschenden Sprachgebrauchs sein. Nur darauf aufbauend lässt sich eine wirksame Kampagnen-Sprache entwickeln. Eine solche Kampagnen-Sprache entlarvt die herrschende Sprache und ermöglicht allen Anderen (Zielgruppen) überhaupt erst genau das, was den Kampagnenmachern immer vorschwebt: Umorientierung.