Erster europäischer Mauerfall – Politische Schönheit

Gelungenes Reframing: Mauertoter und zukünftiger EU-Grenzzauntoter?

Gelungenes Reframing: Mauertoter und zukünftiger EU-Grenzzauntoter? /ZPS

Gäbe es einen Preis für die beste zivilgesellschaftliche Kampagne des Jahres 2014 in Deutschland, so ginge dieser mit Sicherheit an das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) für seinen „Ersten europäischen Mauerfall„. Vor allem deshalb, weil diese Kampagne auf eine starke und konsequent angewandte Kampagnen-Sprache setzt.

Eindeutige Botschaft
Schafft Relevanz für die Öffentlichkeit/Zielgruppe
Kreativität
Informationsgehalt
Anschlussfähigkeit - Vernetzung
Timing

 

Klare Botschaft

Die Botschaft dieser Kampagne ist kurz, klar und eindeutig – und wird erstaunlich selten formuliert. Was in der Abbildung als „Die Schande von Melilla“ bezeichnet wird, erschließt sich nämlich der Öffentlichkeit ganz von selbst. Grundlage dafür ist der „Deutsche Mauerfall“, der als Bildspender fungiert und der im kollektiven Gedächtnis Europas und der Welt fest verankert ist. So glückt dem Zentrum für politische Schönheit ein ausgeklügeltes Reframing: Die Übertragung eines historisch anerkannten Problems (‚Todesstreifen‘, ‚Mauertote‘) auf ein nicht öffentlich wahrgenommenes Problem (EU-Grenztote). Der „Eiserne Vorhang“ fungiert als Bildspender und erlaubt der Öffentlichkeit die EU-Außengrenze als ‚Todesstreifen‘ wahrzunehmen.

kampagnen-analyse, kampagnen-kritik

Grenzzaun-Grafik aus der Kampagne „Erster europäischer Mauerfall“ des ZPS

Timing

Das Zentrum für politische Schönheit hätte für diese Kampagne keinen besseren Anlass wählen können, als das 25. Jubiläum zum Mauerfall. Die gleichzeitig stattfindenden öffentlichen Feierlichkeiten gaben damit unfreiwillig die nötige Gegenschablone ab, um die „Schande von Melilla“ in der Negativ-Wahrnehmung noch zu verstärken: Während in Deutschland die Politiker und Eliten Sekt trinken und überschwengliche Reden halten, sterben an den EU-Grenzen Menschen, die sich ein besseres Leben wünschten (wie damals die Menschen aus der DDR).

Informationsgehalt

Das Zentrum für politische Schönheit fokussiert entscheidende Informationen, die der Öffentlichkeit vorher nicht zugänglich oder bewusst waren. Das Leid der Grenzgänger wird vor allem in Bildern wahrnehmbar gemacht wobei jedoch – und das ist der informative Mehrwert – eine direkte Verbindung zur europäischen Politik gezogen wird.

Kreativität

Der Clou dieser Kampagne besteht im bereits erwähnten Reframing. Das historisch anerkannte Problem des innerdeutschen „Todesstreifens“ wird auf ein aktuell nicht als Problem wahrgenommenes Thema – die EU-Außengrenze und ihre tausenden Opfer – übertragen. Der Todesstreifen wird zum Bildspender und lässt die bis dato als unproblematisch wahrgenommene Welt der EU-Grenzen in einem neuen Licht – also problematisch – erscheinen. Diese Metapher wird konsequent in der Kampagnen-Sprache durchgehalten. Mauertote aus dem Regierungsviertel werden nicht nur zu Botschaftern der Geschichte, sondern sie erlauben bisher als „Grenzverletzer“ bezeichnete Menschen jetzt als Flüchtlinge für ein besseres Leben wahrzunehmen. EU-Bürger, die zur EU-Grenzen fahren, um diese niederzureißen, sind friedliche Revolutionäre auf dem Weg  zur Verbrüderung mit anderen Menschen. All das spricht dieselbe Sprache, basiert immer wieder auf demselben Reframing :  der Übertragung des Todesstreifens auf die EU-Grenze. Dabei verdichtet das ZPS die Kampagnen-Sprache konsequent und durchaus ästhetisch in Bildern (s.u.) und symbolischen Handlungen (Busfahrt von EU-Bürgern zur Grenze), sodass die Kampagne kaum auf lange Erklärungen und Forderungskataloge angewiesen ist.

Politische Schönheit Mauerfall

Bildspender Ikea-Bauanleitung: Kreativ, irritierend, mit Liebe zum Detail. /ZPS

Relevanz für die Öffentlichkeit/Zielgruppe

Das Zentrum für politische Schönheit schafft Relevanz für ein sonst marginales und schwieriges Thema, an dem sich auch andere Organisationen die Zähne ausbeißen. Das gelingt mit dem starken emotionalen, europa- aber vor allem deutschlandspezifischen Bildspender („Todesstreifen“), dazu das passende Timing mit all den Jubiläums-Feierlichkeiten anlässlich des Mauerfalls. Der dominierende, aber einmütig positive Diskurs über den Mauerfall ist also bereits vorgewärmt und nimmt die gegen-politische Sichtweise dankbar auf. In Anbetracht der sterbenden Flüchtlinge erhalten die gut besuchten Jubiläumsveranstaltungen zum Teil den Anschein der Heuchelei.

Anschlussfähigkeit – Vernetzung

Die eigentliche Auftakt-Aktion im Regierungsviertel von Berlin (Abbau der Kreuze für die Mauertoten) sorgt für die nötige Irritation des friedlich dahinplätschernden Einheitsdiskurses. Es herrscht Aufregung, Unverständnis, Politiker melden sich zu Wort. Mit diesem Auftakt gelang es dem ZPS, das nötige Interesse-Vakuum zu erzielen. Informationen tröpfeln ein, in Verbindung mit Social Media Aktivitäten, einer jetzt online-gestellten übersichtlichen Webseite und Presserecherchen steigt der sogenannte diskursive Spannungsbogen zunehmend an. Die Social-Sharing-Zahlen sprechen für sich (#mauerkreuze). Der nun veröffentliche Aufruf des ZPS an die Bürger, den Mauertoten nachzufolgen, um die EU-Außengrenze friedlich zu öffnen, steigert ein weiteres Mal die Spannung. Jetzt wissen alle: Es geht noch weiter – der Höhepunkt steht noch aus. Dabei bleibt alles konform mit dem Bildspender: Die friedliche Revolution der Deutschen aus dem Jahr 1989 wird an Europas Grenzen exportiert. „Normale Bürger“ können sich online für die Fahrt anmelden, gleichzeitig werden jene, die nicht mitkommen können aber wollen, aufgefordert den Transport zu finanzieren. Scheinbar spielerisch wird hier ein Netzwerk aufgebaut, das über die Organisatoren hinausgeht. Auch das lässt den Ausgang der Geschichte wiederum ungewisser erscheinen und sorgt dafür, dass Massenmedien und Zuschauer den Höhepunkt mit erhöhter Spannung erwarten.

Fazit – Kreativ, Konsequent, Provokant, zur rechten Zeit, Erfolgreich

Eine der besten zivilgesellschaftlichen Kampagnen des Jahres 2014. Das liegt an der Schwierigkeit des Themas, welches auch Menschenrechts-NGOs behandeln. Keine davon hat es jedoch geschafft, einen nachhaltigen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung dieses Themas als Problem zu erwirken. Kaum jemand in Deutschland interessiert sich für „Grenzgänger“, die dieses Schicksal und die entsprechenden Risiken selbst gewählt haben. In Deutschland habe man bereits genug eigene Sorgen. Diese öffentliche Meinung konnte das ZPS beeinflussen. Das ZPS wendet dabei ein eigentlich einfaches Rezept an: Es wählt aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen einen starken emotionalen Bildspender („Todesstreifen“) und nutzt diesen als Metapher. Diese Metapher wird dann konsequent und mit viel Liebe zum Detail in der Bildsprache und der Sprache der symbolischen Handlungen durchgehalten. Chapeau!